13.07.08
Berlin, Hamburg, Stuttgart, Dortmund, Köln,
Leipzig: Das seien nur einige deutsche Städte, in denen private
Kindergärten der Marken «Kindervilla» und «Knirpsenparadies»
entstehen, verkündet die Kindervilla Franchise GmbH in Dresden auf
ihrem Internet-Portal. Sogar in Österreich stünden Kindervillen ante
portas. Zu einer Veranstaltung des Deutschen Jugendinstituts in
München im Juni 2008 wurde Kindervilla-Chefin Carina Michalke
eingeladen, um ihr «Erfolgskonzept» vorzustellen. Doch als sie ihre
Computer-Präsentation nicht bedienen konnte und ihr ein
unangemeldeter Teilnehmer aus dem Publikum zu Hilfe eilte, hätte
Misstrauen aufkommen müssen. Er heißt Stephan Michalke und gilt in
Sachsen als schillernde Figur.
Ende 2000 hatte der Elektromonteur Michalke das Kolping-
Bildungswerk Sachsen e.V. der katholischen Kirche in die Insolvenz
geführt. Die Gläubigerforderungen lagen bei rund 60 Millionen Euro.
In einem der größten Wirtschaftsverfahren in Sachsen brauchte die
Justiz fast sechs Jahre bis zur Urteilsverkündung. Die Richterin
verhängte 2007 ein mildes Urteil gegen Michalke: wegen Untreue und
Vorenthaltung von Arbeitsentgelt 15 Monate auf Bewährung und eine
Geldstrafe von 18 000 Euro. Michalke legte Revision ein.
2002 startete Michalke sein nächstes Geschäft: Kindervillen. Aus
einem Vorzeigeobjekt «Kindervilla» in Dresden, aufgebaut durch die
engagierte und angesehene Kindererzieherin Ines Eckert, wurde unter
Michalke ein Franchise-System entwickelt. Gesellschafter der
Kindervilla Franchise GmbH waren Michalke und Eckert.
Franchise-Nehmer wurden Erzieher, die sich selbstständig machen
wollten. Die Franchise-Zentrale vermittelte den Franchise-Nehmern die
Finanzierung, die den Weg zum schlüsselfertigen Kindergarten
ermöglichen sollte; diese erfolgte exklusiv über die Filiale der Bank
für Sozialwirtschaft (BfS) in Dresden.
Michalkes Franchise-Zentrale kassierte den größten Teil der
Existenzgründerkredite. Doch die versprochenen Kindervillen wurden
nicht gebaut. Die Erzieher hatten sich hoch verschuldet, erhielten
aber keine Gegenleistung. Ende März 2005 trafen sich die ersten
Franchise-Nehmer heimlich mit Eckert, um ihr Misstrauen gegenüber
Michalke zu bekunden.
Kurz danach, am 4. April 2005, starb Ines Eckert bei einem
tragischen Unfall. Als kurz danach Eckerts Ehemann ebenfalls starb,
fiel die Franchise-Zentrale gänzlich Michalke zu. Als die
Staatsanwaltschaft Ende 2006 gegen Michalke Anklage wegen Untreue in
Sachen Kolping-Bildungswerk erhob, zog er sich aus seinem
Unternehmens-Imperium zurück. Seine spätere Ehefrau Carina ist
seitdem Gesellschafterin. Er tritt seither als Berater auf.
Immer wieder vermochte es Michalke, die enttäuschten
Franchise-Nehmer zu vertrösten. Doch Anfang 2007 reichten die ersten
von ihnen Zivilklage ein. Sie befürchteten, dass bei der Kindervilla
Franchise GmbH kein Geld mehr zu holen sei, und engagierten deshalb
den Leipziger Unternehmensberater Kurt Seitz. «Ich stellte fest, dass
die Genehmigungen und Auszahlungen der Kredite ungewöhnlich abliefen,
die Interessen der Franchise-Nehmer kaum geschützt wurden und das
meiste Geld direkt an die Franchise-Zentrale floss», erinnert sich
Seitz.
Das Abkassieren der Existenzgründerkredite konnte die Kindervilla
Franchise GmbH aber nicht allein bewerkstelligen. Dieser Verdacht des
Beraters verstärkte sich, als bekannt wurde: Der für diese Kredite
zuständige Mitarbeiter der BfS war vorzeitig in den Ruhestand
gegangen, um als Vorstand von Carina Michalkes Ablony AG wieder
aufzutauchen.
Bundesweit hatten sich Erzieher mit insgesamt mehreren Millionen
Euro verschuldet und keine Leistung der Kindervilla Franchise GmbH
erhalten. Die Sachlage war klar, und die BfS sah sich gehalten
einzulenken. Es kam zu einer Vereinbarung mit den Existenzgründern.
Für die Kindervilla Franchise GmbH, die einen Zivilprozess nach
dem anderem gegen Franchise-Nehmer verliert, gibt es kaum eine
Zukunft. In den Prozessen wird die Firma zur Rückzahlung von
Franchise-Nehmer-Geldern verurteilt. Gegen die ehemalige
Eckert-Kindervilla in Dresden-Mitte läuft eine Räumungsklage. Ende
2007 wurde ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gegen die
Kindervilla Franchise GmbH gestellt. Die Staatsanwaltschaft Dresden
ermittelt gegenwärtig gegen Stephan und Carina Michalke wegen
Insolvenzverschleppung im Zusammenhang mit den Kindervillen.
Doch für diese Eventualität ist vorgesorgt: Auf dem Podium beim
Deutschen Jugendinstitut in München warb Carina Michalke gemeinsam
mit Klaus-Peter Möhres für das Kindervilla-Franchise-Konzept. Der
61-jährige Möhres, Aufsichtsratsvorsitzender bei Frau Michalkes
Ablony AG, zeichnet neuerdings als Geschäftsführer einer
gemeinnützigen GmbH namens «Denk mal an Kinder». Gegenstand der Firma
ist die Förderung von Kindern und Jugendlichen insbesondere durch
Kinderbetreuungseinrichtungen, geführt «nach dem Organisationsprinzip
der Marken Kindervilla, Knirpsenparadies, Happy Learn Club».
Gesellschafter dieser gemeinnützigen GmbH ist eine Stiftung «Denk mal
an…» in Dresden.
Über die Hintermänner der Stiftung will sich Möhres auf Anfrage
der Nachrichtenagentur ddp nicht äußern. Wer hinter Stiftungen steht,
wird vom Staat streng geheim gehalten. Doch ddp fand die Namen der
Stiftungs-Vorstände heraus: Stephan Michalke (Vorsitzender) und
Carina Michalke.
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