Für
viele Experten war die verstorbene Anita Roddick eine der außergewöhnlichsten
und erfolgreichsten Unternehmerinnen unserer Zeit. Die Engländerin
gründete 1976 die Kosmetikfirma "The Body Shop". Die Idee:
Kosmetika auf Basis von Naturstoffen herstellen und in nachfüllbaren
Recyclingbehältern verkaufen.
"Firmen, die nicht moralisch, sondern nur aus Profitgier handeln,
schaden ihrem Geschäft", ist sich Anita Roddick sicher, eine
der erfolgreichsten Unternehmerinnen der letzten Jahrzehnte. Was die Engländerin
anfangs als Laden für einen ruhigen Nebenverdienst geplant hatte,
entwickelte sich kontinuierlich zu einem kleinen Imperium mit mehr als
2.000 Geschäften in 50 Ländern. Bekannt wurde die heute 62-jährige
Anita Roddick aber nicht nur durch ihr expandierendes Unternehmenskonzept.
Geschickt nutzte sie die Kraft der Medien und lancierte sogar einen Artikel
mit einer Story, die sie sich ausdachte. Die Zeitung viel darauf herein
und die Leute strömten in den Laden. Die Strategie kultivierte die
Power-Frau mit vehementem Einsatz gegen Tierversuche und für einen
fairen Handel mit der Dritten Welt, für politische Gefangene und
gegen das gängige Schönheitsideal der Kosmetikbranche.
Damit schuf sie einen unverwechselbaren USP für ihre Artikel und
eine besondere Affinität der Kunden zu den Produkten. Ihr Konzern,
aus dessen aktiver Arbeit sich inzwischen zurückgezogen hat. Ihr
Unternehmen, seit 1984 an der Börse notiert, ist mit rund 1730 Läden
in 49 Ländern vertreten. Ein gutes Viertel davon gehört direkt
zu Body Shop, der Rest arbeitet auf Franchisebasis. Allein in Deutschland
existieren 85 Filialen. Im vergangenen Geschäftsjahr betrug der Umsatz
weltweit 800 Millionen US-Dollar.
Roddick wuchs als Tochter italienischer Einwanderer im südenglischen
Küstenstädtchen Littlehampton auf. Als sie ihre zwei Kinder
zwei Jahre lang allein ernähren musste, weil Ehemann Gordon sich
einen Lebenstraum erfüllte und auf einem Pferd quer durch Südamerika
ritt, begründete Roddick vor 25 Jahren The Body Shop.
Damals
entstand die Idee, ein Kosmetikgeschäft aufzumachen - mit Produkten,
die aus natürlichen Inhaltsstoffen bestehen und auf aufwändige
Verpackungen verzichten. Zugute kamen Anita Roddick die Erfahrungen, die
sie auf zahlreichen Reisen quer durch die Welt gemacht hatte. Nach dem
Lehrerstudium war sie auf den Hippie-Trip geraten. Sie lebte im Kibbuz,
arbeitete in der Abteilung Frauenrechte bei den Vereinten Nationen in
und zog weiter - nach Tahiti, Australien, Madagaskar, Mauritius, Südafrika.
Auf diesen Reisen beobachtete sie, wie einheimische Frauen aus natürlichen
Substanzen Mittel für die Haut- und Haarpflege entwickeln, wie sie
etwa die Innenseiten von Ananasschalen zur Reinigung benutzen oder mit
Kakaobutter die Haut geschmeidig halten. Als sie 1976 den ersten, bescheidenen
Laden in Brighton eröffnete, wurden die staunenden Kundinnen mit
exotischen Produkten konfrontiert: Seetang-Birken-Shampoo, Weißdorn-Handcreme
oder Kakaobutter-Bodylotion etwa - und das alles in einfachen, nachfüllbaren
Plastikfläschchen.
Die Käuferinnen fanden Gefallen an den etwas anderen Kosmetika, dem
kleinen Laden in Brighton folgte ein weiterer in der Kleinstadt Chichester.
Schließlich musste nicht jeder Body Shop Eigentum der Gründer
sein und sie entschied sich für ein Franchise-System. Überall
entstanden plötzlich Body Shops - betrieben von Jungunternehmern,
die ihr Geschäft selbst finanzierten, aber Produkte und Ladenausstattung
von der Londoner Firma erhielten. Die Unternehmensphilosophie von Anita
Roddick war dabei von Anfang an genauso exotisch wie ihre Produkte. Der
Verbraucher habe, so Roddick, ein höheres Bewusstsein erlangt: "Einkaufen
ist heutzutage ein politischer Akt." The Body Shop wandte sich gegen
Tierversuche, machte mit Kampagnen für Umweltschutz und Menschenrechte,
mit Sponsoringaktionen für Greenpeace, der Zusammenarbeit mit Friends
of the Earth und Aktionen zum sauren Regen und zum Ozonloch von sich reden.
Ende der achtziger Jahre entstand das Konzept "Hilfe durch Handel".
Anita Roddick und ihr Team kauften immer mehr Inhaltsstoffe direkt bei
Kooperativen und Kleinbauern in der Dritten Welt, ohne Zwischenhändler.
Angesichts dieses Engagements unterstellte man ihr, doch Tierversuche
durchzuführen oder den fairen Handel nur als Marketingmasche zu benutzen.
Kritikern antwortet Anita Roddick stets das Gleiche: "Mit dem Finger
wird immer nur auf diejenigen gezeigt, die sich engagieren. Dabei tun
die wenigsten überhaupt etwas."
Auf
Druck der Aktionäre überließ Anita Roddick deshalb 1998
die Führung des Unternehmens, an dem sie noch 25 Prozent hält,
dem unauffälliger agierenden Ex-Danone-Manager Patrick Gournay. Auf
ihren Reisen bewegt sich die Multimillionärin jetzt möglichst
nah am Leben der einfachen Menschen. Ob sie in den Hütten der Farmer
im nicaraguanischen Achuapa übernachtet, ohne fließend Wasser
und den Moskitoattacken ausgesetzt, oder per Jeep und Maulesel zu den
Sesamfeldern vordringt - Strapazen scheut die Großmutter nicht.
Selbst eine riesige Müllhalde am Rande der Hauptstadt Managua inspiziert
sie auf ihrer Nicaragua-Reise: Der Organisation Dos Generaciones, die
versucht, den Kindern, die auf der Kippe arbeiten, eine Ausbildung und
somit eine Zukunft zu ermöglichen, verlieh Body Shop im vergangenen
Jahr, neben drei weiteren Initiativen in Entwicklungsländern, einen
"Menschenrechtspreis" - immerhin mit 75 000 US-Dollar dotiert.
Anita Roddick
1942 geboren als Tochter italienischer Einwanderer in Littlehampton
1962 bis 1976 Lehrerin, UN- Angestellte in Genf und Hotelbesitzerin
1976 Eröffnung des ersten Body Shop
1984 Börsengang des Unternehmens
1998 Wechsel aus der Geschäftsleitung in eine Aufsichtsfunktion im
Vorstand